Was man in der Grundausbildung lernt und erlebt
Massagetechnik lernen – oder auf zu neuen Ufern
Ein Erlebnisbericht von Vanessa Pape, 27, Berlin. Wenn man den Begriff ‚private Massageschule’ googelt bekommt man über 25.000 Einträge. Dieses überdimensionale Angebot überfordert zunächst. Wie soll man sich in diesem Wust von Informationen bloß zurechtfinden?
Auf zu neuen Ufern
Die TouchLife-Grundausbildung. Ein Erlebnisbericht von Vanessa Pape, 27, Berlin.
{mosimage} „Als ich Dir erzählt hab, dass ich das machen möchte, hast Du gesagt: oh, das möchte ich auch machen.“ – „Neenee, das war genau anders rum, Du hast mich gefragt!“, beharrte ich. Wie auch immer es zu der Entscheidung kam eine Massageausbildung anfangen zu wollen – meine Mutter und ich sind uns darüber bis heute nicht einig – sie war jedenfalls gefällt und nun mussten wir uns dran machen, eine geeignete Schule zu finden, die unseren Vorstellungen von einer qualitativ hochwertigen Ausbildung entsprach. Wir konnten zwar nicht konkret formulieren, wie diese Vorstellungen überhaupt aussahen, denn unser Wunsch gab uns höchstens eine Ahnung von dem was wir wollten. Aber eine Ahnung war doch immerhin ein Anhaltspunkt und daher hieß unser nächster Schritt: Recherchieren und Möglichkeiten ausfindig machen, die zu unserer Ahnung passten. Außerdem wussten wir definitiv, was wir nicht lernen wollten. Uns kamen Massagen in den Sinn, bei denen wir in winzigen Stoffkabinen auf zerschlissene, braune Liegen gebeten und kräftig durchgewalkt wurden, während der Masseur lauthals die aktuellen Radiocharts mitträllerte oder von seinen verstorbenen Brieftauben erzählte. Durch das Ausschlussverfahren fiel also schon mal eine ganze Menge weg. Meine Mutter arbeitete in einem Landeskrankenhaus, wo sie eine therapeutische Funktion hatte und mit ihren 55 Jahren wollte sie endlich etwas machen, dass sie psychisch nicht mehr so stark forderte. Ich hingegen merkte in meinem theoretisch angelegten Literatur- und Theaterwissenschaftsstudium, dass mir der praktische Ausgleich fehlte und mein Wunsch nach mehr Umgang mit Menschen wurde über meinen Büchern in der Bibliothek nicht gerade befriedigt. Unsere Tätigkeiten vollkommen aufzugeben oder abzubrechen, stand für uns aber nicht zur Debatte, schließlich gaben sie uns in vielerlei Hinsicht Sicherheit.
Für uns kam nur eine private Ausbildung in Frage, denn eine staatlich anerkannte Ausbildung dauerte Vollzeit drei Jahre – soviel Zeit konnten wir unmöglich aufbringen. Natürlich waren wir uns darüber bewusst, dass auch eine private Ausbildung zeitintensiv sein würde, sofern man sich der Sache ganz verschrieb, aber bei geschickter Organisation ließ sich beides gut miteinander vereinbaren.Wenn man den Begriff ‚private Massageschule’ googelt bekommt man über 25.000 Einträge. Dieses überdimensionale Angebot überforderte uns zunächst. Wie sollte man sich in diesem Wust von Informationen bloß zurechtfinden? Und welche Massagetechnik wollten wir eigentlich lernen? Wir lasen von der Hawaiianischen Methode, Ayurveda, Breuss, traditioneller Thaimassage, der Tiefengewebsmassage; das Angebot war reich. Fast alle Schulen behaupteten von sich selbst, seriös zu sein (und leider stellte sich heraus, dass Seriosität wohl Definitionssache ist). Wir probierten einiges aus, redeten mit Seminarleitern, wälzten Infobroschüren und stießen irgendwann auf TouchLife. Es wurde deutlich, dass diese Methode genau das Richtige für uns war. Denn bei TouchLife konnte man nicht nur eine Technik lernen und anwenden, sondern es ging um viel mehr: der Mensch wurde hier in seiner Einheit von Körper und Geist betrachtet. Das gefiel uns.
Die Massage war ganzheitlich angelegt, was konkret bedeutete, dass man nicht nur auf körperlicher Ebene arbeiten würde; vielmehr ging es um das Zusammenspiel von inneren und äußeren Eigenschaften eines Klienten, die in eine Sitzung einbezogen wurden. Das Motto hieß „Bewusstheit für Körper und Geist“. Nachdem wir uns durch selbst empfangene TouchLife Massagen auch praktisch von dessen Wirkung überzeugen lassen hatten, stand die Entscheidung endgültig fest: Wir meldeten uns für Einführungsseminare an. Meine Mutter wollte am Edersee teilnehmen, wo die TouchLife Begründer selbst unterrichten und ich trug mich für den Kurs bei Hedda Weise in Mecklenburg ein, da mir der Kursort und die Terminaufteilung dort besser passten.
Gespräch – oder ein bunter Haufen soll kommunizieren
Ich weiß gar nicht mehr, wem ich in diesem bunten Durcheinander von Anreisenden als erstes über den Weg gelaufen bin. Ich weiß nur, dass ich überaus erleichtert war, als ich das Seminarhaus betrat. „Gott sei Dank,“ dachte ich bei mir, „hier wirst du dich wohl fühlen.“ Das Haus war nicht groß, aber die Räume waren hell und offen, und ich, die gerade aus der Millionenstadt Berlin kam, fand die Abgelegenheit des Ortes einfach wunderbar. Das „Kranichhaus“ befand sich inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte, man hatte von dort einen phantastisch weiten Blick über die Felder.Eine positive Aufregung lag in der Luft. Um 11 Uhr sollte der Unterricht beginnen. Ich suchte mir ein Bett in einem der Zimmer, stellte meinen Koffer ab und zog mir gemüt-liche Klamotten an. In der Küche standen zwei große Kannen Tee bereit, dort goss ich mir eine heiße Tasse ein. Als ich in den Seminarraum kam, hatten einige Teilnehmer bereits auf den im Kreis angeordneten roten Sitzkissen platz genommen, viele plauderten. Irgendwann wurde es still und Hedda, die Lehrerin, die uns von nun an über ein ganzes Jahr begleiten würde, warf einen eröffnenden Blick in die Runde. Sie hatte wache Augen und trug farbenfrohe Klamotten. Dass jemand gleichzeitig so präsent und doch bescheiden wirken konnte, beeindruckte mich.
„Ich heiße euch herzlich willkommen zum Einführungsseminar Rücken I,“ sagte sie. Um uns kennen zu lernen, stellten wir einander der Reihe nach vor und sagten ein paar Worte darüber, warum wir die Ausbildung absolvieren wollten, was wir beruflich machten und vom Unterricht erwarteten. Es war erstaunlich, wie viele verschiedene Menschen hier zusammen kamen: Jule, 25 Jahre, hatte Kosmetikerin gelernt und wollte sich weiterbilden; Monika, 47 Jahre, arbeitete als Putzfrau und strebte eine berufliche Neuorientierung an; Gerhard, 36 Jahre, war Maschinenbauer und hatte vorwiegend privates Interesse an der Massage. Letztendlich waren wir 13 Auszubildende unterschiedlichen Alters, mit diversen Interessen, Berufen, Vorstellungen, Zielen, Eigenheiten. Diese heterogene Zusammenstellung war genauso herausfordernd, wie spannend. Was uns verband war in erster Linie der Wunsch, danach massieren zu lernen.In der Mittagspause fanden wir uns um den großen Holztisch in der Küche zusammen. Wir lernten Brigitte kennen, die uns während der Ausbildungszeit verköstigen sollte. Das war sehr komfortabel, nicht nur weil sie eine tolle Köchin war und bei ihr ausschließlich bestes Bio-Essen auf den Tisch kam, sondern auch, weil wir uns nach den anstrengenden Unterrichtseinheiten um nichts mehr kümmern mussten.
Nach der Verschnaufpause ging es im Seminarraum weiter, die erste Übung wurde angeleitet. Wir sollten uns - im wahrsten Sinne des Wortes - aneinander herantasten. Zweiergruppen wurden gebildet, ich und Jule taten uns zusammen. Hedda nahm sich viel Zeit, uns alles genau zu erklären. Die Aufgabe lautete, sich einander zuge-wendet hinzusetzen und die Hände des Gegenübers mit geschlossenen Augen zu berühren und zu befühlen. Als ich das hörte wurde ich ein bisschen unruhig; wenn ich meinem Inneren Ausdruck verliehen hätte, wäre ich sicher wie ein kleines Kind auf meinem Kissen hin und her gezappelt. Gerade Jule, die so toll gemachte Nägel hatte sollte meine ungleichmäßigen Finger anfassen – dieser Gedanke war mir überhaupt nicht angenehm. Und außerdem fragte ich mich, was mir das ganze Unterfan-gen überhaupt bringen sollte, schließlich war ich hier, um massieren zu lernen! Andererseits wollte ich auch nicht gleich bei der ersten Übung die Flinte ins Korn werfen. Ich haderte einen Moment mit mir, ließ mich letztendlich aber auf die Anweisungen ein und schloss die Augen. Vorsichtig und unsicher fingen wir an, unsere Hände zu betasten. Manchmal hielten wir inne und erspürten einfach, wie es sich anfühlte, wenn sie ineinander lagen. Sie waren merklich verschieden. Ein paar Minuten vergingen. Als wir die Augen wieder öffneten sagte sie zu mir: „Boah, du hast ja total weiche Hände! Voll schön!“, und fühlte gleich noch mal nach. Ich lächelte ein bisschen ungläubig. „Findest du?“, fragte ich. Mir wurde ganz warm vor Freude.Das war meine erste ganz persönliche Lektion.
Es war klar, dass es in dieser Ausbil-dung nicht nur darum ging, anderen Leuten durch Massage ein Wohlgefühl zu verschaffen, sondern auch Selbsterfahrungen zu machen. Und es war auch klar, dass ich dazu lernen musste, offen zu sein und mich auf Dinge einzulassen, dessen Ziel sich mir nicht sofort erschloss. Als ich Hedda irgendwann fragte, was sie mit der Aufgabe bezweckt hatte, antwortete sie: „Das Ziel der Händebetrachtung ist mehrschichtig, je nachdem was für jeden gerade das Unbekannte ist. Zum Beispiel erhöhte Sensibilisierung als wichtige Vorraussetzung für die Massage, Selbstbetrachtung, Aner-kennung und Selbstachtung des Wunderwerks des Körpers, Unterschiedlichkeit zur anderen Person, Andere mit ihren Eigenheiten akzeptieren und mit Liebe berühren können, auch wenn Widerstände da sind ... .“
Das leuchtete mir ein. Es ging mir innerhalb der Seminare noch öfters so, dass ich zunächst skeptisch war, was Sinn und Zweck einer Übung betraf, im Nachhinein wurde es mir jedoch meist verständlich. Ähnliches wie ich erlebte wohl auch Karin (49 Jahre) einmal, als das Thema lautete: Erzähle die Geschichte deines Rückens. Karin und ich bildeten ein Übungspaar, weil wir zufällig zusammen gewürfelt wurden. Jeder sollte eine Redezeit bekommen, wäh-rend der Partner nur zuhörte, danach umgekehrt. Der Zuhörende, weil er sich nicht seine eigene Antwort überlegen muss, lernt dabei Konzentration auf das Gegenüber, zuhören, zwischen den Zeilen lesen, Körpersprache beobachten. Der Erzählende übt sich darin, sich jemandem anzuvertrauen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und nimmt wahr, wie sich eventuell ein Klient fühlt, der sich bzw. seinen Rücken in einer Sitzung öffnen soll. Man erkennt, dass jedem Körperteil eine Geschichte eingeschrieben ist. Ein paar Wochen später beichtete Karin mir mit einem Lächeln, was ihr am Anfang ihrer Redezeit durch den Kopf geschossen war: „Ich dachte: oh mein Gott, jetzt sitzt hier so’n junges Ding vor dir und der sollst du jetzt auch noch was Persönliches von dir erzählen ...“ Wir mussten beide schmunzeln, denn das Gespräch, das wir damals führten, entwickelte sich überaus intensiv und brachte uns einander sehr nah. Es zeigte ihr und mir erneut, wie schwer es manchmal war, sich auf vollkommen neue Menschen oder Situationen einzulassen, aber auch, welch positiver Effekt daraus resultieren konnte.
Unser Stundenplan sah vor, dass wir am Einführungswochenende den ersten Teil der Rückenmassage lernen sollten. Eine Massagebank wurde in der Mitte des Raumes aufgestellt. Bevor sich Mechthild, Heddas Assistentin, zu Demonstrationszwecken darauf legte, führte Hedda noch ein kurzes Vorgespräch mit ihr. Das Gespräch war ein wichtiger Teil einer TouchLife Sitzung, da man anhand der daraus gewonne-nen Informationen individuell auf den Klienten eingehen konnte. Hedda fragte nach Mechthilds Befinden, chronischen und akuten Krankheiten, Verletzungen, Erwartungen an das Kommende und anderes mehr, dann folgte die Praxis: sie bettete sie, machte einen Haltegriff, deckte sie auf, begann Öl aufzutragen und führte den ersten Massagegriff vor. Das „Große Ausstreichen“ ist das Element, das jede TouchLife Massage einleitet und daher wohl der allererste Griff, den jeder angehende Behandler anfangs lernt. Zeitgleich mit der Demonstration erläuterte Hedda, was sie tat. Wenn wir Fragen hatten, konnten wir sie stellen, wenn wir etwas nicht sofort begriffen, machte sie die Bewegungen gerne erneut vor. Danach durften wir selbst ausprobieren, was wir gesehen hatten. Wir suchten uns Partner und übten aneinander im Wechsel: Erst war einer der Behandler und der Andere spielte den Klienten, danach tauschten wir die Rollen. Es war ein bisschen komisch, sich in einem Raum voller Menschen, unter denen auch Männer waren, bis auf die Unterhose auszuziehen, aber alle gingen so behutsam miteinander um, dass das nach kurzer Zeit über-haupt kein Problem mehr war. Innerhalb des Seminars gab es vier Praxisrunden, in denen wir unser Griffrepertoire für das Körpersegment Rücken nach und nach aufbauten. Während wir ausprobierten gingen Hedda und die Assistentinnen im Raum umher und korrigierten uns, wenn nötig, oder wir winkten sie von selbst heran, um uns noch mal etwas zeigen zu lassen. Hedda schaffte es, mir durch ihre einfühlsame Art und die kontinuierliche Hilfestellung insgesamt eine große Sicherheit zu geben, komischerweise fühlte ich mich von ihr nie kritisiert.
Am Ende des Seminars setzten wir uns noch einmal zusammen. Wir teilten unsere Eindrücke mit und versuchten, jeder für sich, ein Resümee zu ziehen. „Zur Entscheidungsfindung für Massagewillige gibt es in erster Linie zu sagen, es sollte Interesse am Menschen, am Begegnen bestehen. Weniger das oft voran gesetzte Ziel: einen neuen Berufszweig zu finden!“, sagte Hedda mir später. Das traf absolut auf mich zu. Bevor ich nach Mecklenburg gefahren war, erleichterte mich der Gedanke, dass ich, als extrem skeptischer Mensch, mir zunächst einen Eindruck verschaffen und danach entscheiden konnte, ob ich wirklich an der gesamten Ausbildung teilnehmen wollte oder nicht. Aber nun musste ich überhaupt nicht mehr nachdenken, es gab nichts mehr zu entscheiden. Ich war so voll von schönen neuen Erlebnissen, dass die Möglichkeit es nicht zu tun überhaupt nicht mehr bestand. Ich wollte mich auf alles einlassen, was da kommen würde.Was mir von diesem allerersten Wochenende noch besonders im Gedächtnis geblieben ist: Es war erstaunlich zu betrachten, wie wir Seminarteilnehmer uns anfangs mit einem freundlichen, aber distanzierten Händedruck begrüßten und nun, am Ende, auseinander gingen. Wir hatten ein paar sehr intensive Tage miteinander verbracht und viele umarmten sich jetzt auf das Herzlichste. Es war eindrucksvoll, dass man sich in so kurzer Zeit so eng zusammenfinden konnte – trotz aller Verschiedenheiten.
Energieausgleich – oder Hokus Pokus am eigenen Leib
Selbstverständlich wollte ich mein Wissen sofort an Menschen in meiner Umgebung ausprobieren, aber ganz abgesehen davon, dass es mir ein Bedürfnis war, gaben mir auch die Prüfungsbestimmungen vor, dass ich während der gesamten Ausbildungszeit mindestens 25 Massagen geben und protokollieren musste. Ich überlegte, wer in meinem Bekanntenkreis als Übungsklient in Frage kommen könnte und begann erstmal ein paar enge Freundinnen mit Massagen zu beglücken. Die erste Reaktion, die man von Leuten kriegt, wenn sie hören, dass man innerhalb der anderthalbstündigen Sitzung 60 Minuten massiert, ist meist: „So lange? Dann will ich unbedingt mal zu Dir kommen!“ Und die zweite: „Ist das nicht unheimlich anstrengend?“
In der Regel ist es das nicht. Natürlich wird man manchmal körperlich gefordert, wenn jemand besonders viel Druck braucht und natürlich investiert man Zeit und Energie in die Arbeit. Doch man bekommt auch ganz viel zurück. Wenn man sieht, dass sich der Liegende mit dem Fluss der Bewegungen mehr und mehr entspannt, wenn er genießt und sich voller Vertrauen in deine Hände gibt – das ist wie ein Geschenk, das von tiefstem Herzen kommt. Nehmer- und Geberrolle kann man insofern nicht eindeutig definieren. Eine Massage war für mich von Anfang an eher ein Austausch und ich fühlte mich danach in der Regel vollkommen aufgeladen und glücklich. Nur ganz vereinzelt erlebte ich Sitzungen, die mir Energie raubten. Es ist sehr schwer in Worte zu fassen, was dann geschieht, der Liegende selbst bekommt vielleicht gar nicht unbedingt etwas davon mit, aber irgendwas laugt einen vollkom-men aus. Erfreulicherweise bekamen wir Schüler für solche Fälle professionelle Instruktionen, wie man sich schützen, den Ballast loswerden und seine Akkus wieder auffüllen konnte.
Apropos Energie: Wenn ich in meinem Freundeskreis von Energie sprach, hörte sich das für sie erstmal nach Hokus Pokus an. Sobald ich dieses Wort auch nur sagte, konnte ich mit einem gemeinschaftlichen Augenrollen oder ironischen Sprüchen rechnen. Allen Skeptikern voran war meine Freundin Franziska. „Energie, was soll denn das sein, bitte schön?“, las ich in den Runzeln ihrer Stirn. Als ich in einer Behandlung die Brustkorbmassage an ihr übte, bekam sie ihre ganz eigene nonverbale Antwort darauf.Im Vorgespräch stellte sich heraus, dass sie in der letzten Zeit viel Stress gehabt hat-te und sich freute, dass sich einfach mal jemand eine volle Stunde um sie kümmern würde. Die Behandlung des Bereichs Brustkorb weckte ihre Neugierde, weil sie sich gar nichts darunter vorstellen konnte. „Da sind doch bloß Knochen und kaum Muskeln, was soll man denn da massieren?“, wollte sie wissen.Sie wünschte sich langsame Berührungen, ich gestaltete die Sitzung also mit viel Ruhe und Behutsamkeit und schloss das Programm mit ein paar Griffen aus der Schulter-Nacken-Massage ab. Das war schön, insgesamt war die Sitzung stimmig und in sich rund. Franziskas Reaktion war dementsprechend, sie fühlte sich müde und hätte am liebsten geschlafen. Es sei unglaublich, meinte sie, wie ich ihr „den Strom“ aus dem Körper gezogen hätte. Je öfter sie meine Hände spürte, desto ruhi-ger wurde sie. „Vor allen Dingen, wenn du mir die Hand einfach nur so aufgelegt hast, war das toll,“ seufzte sie verschlafen. Ich musste lächeln und nickte. „Das, was du gemerkt hast, dieses ‚Strom aus dem Körper ziehen’, wie du es nennst, und die Beruhigung durch meine Hände, genau das ist Energieausgleich,“ erklärte ich. „Du konntest gerade an dir selbst wahrnehmen, dass du heute ein bisschen zuviel davon hattest und die Berührung dich wieder ins Gleichgewicht gebracht hat. Das hat nichts mit Zauberei zu tun, eigentlich ist es ganz simpel.“ Ich blickte sie an. Sie pulte an ihrem Daumen herum und verzog dann ihr Gesicht zu einem Grinsen: „Ja, das leuchtet mir ein. Klingt logisch.“
Ich freute mich wie verrückt, dass sie diese bisher verpönte Dimension jetzt zulassen konnte. Bis wir an diesem Punkt waren hatte es zwar ein wenig Zeit gebraucht, aber nun waren wir da. Es macht sehr viel Sinn, sich ein paar feste Übungsklienten zu suchen, da man gemeinsam mit ihnen einen wichtigen Entwicklungsprozess durchschreitet. Ich sah die Entwicklung derjenigen, die ich behandelte und konnte im Laufe der Zeit immer einen weiteren kleinen Fortschritt an mir und meinem Tun feststellen. Das gab mir ständig wieder Auftrieb und die Motivation weiterzumachen.
Atem – oder einmal tief Luft holen bitte!
Man braucht schon viel Durchhaltevermögen, wenn man einen Ausbildungsweg durchläuft. Mir halfen neben der Freude an der Massage selbst vor allen Dingen die Seminare dabei, einen langen Atem zu behalten. Tauchten irgendwelche Probleme, Fragen oder Unsicherheiten auf, gab es dort die Möglichkeit, das zu klären. Sich mit Gleichgesinnten über die neusten positiven Entwicklungen und Geschehnisse auszutauschen war schön, und es brachte großen Spaß, den Körper gemeinsam immer ein Stückchen mehr zu erkunden. Im Laufe des Jahres lernten wir die Massage am Bein, Brustkorb, Bauch, im Schulter-Nacken und Kopf-Gesicht-Bereich sowie an Armen und Füßen. Zeitgleich zu den praktischen Übungen setzten wir uns theoretisch mit den neuen Segmenten auseinander. Der Anatomie-Unterricht gab uns einen guten Einblick, wie der Körper funktionierte und wir verstanden, inwiefern einige Griffe Sinn machten und wohl taten und andere nicht.Es gab für mich an diesen abwechslungsreichen Wochenenden massenhaft Highlights, die mich im Alltag oft unvermittelt lächeln ließen. Zum Beispiel stellten wir un-sere Liegen an einem heißen Sommertag einfach nach draußen in den Garten und massierten dort – und konnten uns gleich darin üben, ruhig und achtsam zu bleiben, wenn eine Hummel oder eine Bremse gar allzu aufdringlich wurde. Dann und wann hatte unsere „Küchenfee“ Brigitte eine ihrere neuen Marmeladenkreationen mitgebracht, die wir probieren durften oder sie buk, wenn noch Zeit war, einen Apfelku-chen für den Nachmittagskaffee. Morgens vor dem Frühstück gab es oft Zusatzangebote zum regulären Lehrplan, wie beispielsweise Meditationen, Spiele oder Spaziergänge, die man freiwillig wahrnehmen konnte. Abends, nach dem Unterricht trafen sich viele Teilnehmer noch zum Massageaustausch oder zum gemeinschaftlichen Üben: einer war Demonstrationsobjekt, ein Anderer führte vor und der Rest probierte es nachzumachen. Oft waren das die lustigsten Stunden. Andere wiederum klönten und diskutierten bei einem Glas Rotwein in der Küche bis nach Mitternacht.
Ein anderer angenehmer Teil der TouchLife-Grundausbildung ist, dass man alle Massagen auch selbst empfängt, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was derjenige auf dem Massagetisch erlebt. Jeder Behandler praktiziert anders, es lernen zwar alle Auszubildenden die gleichen Techniken und Kniffe, aber dennoch hat jeder eine an-dere Persönlichkeit, die sich jeweils in dem „Charakter“ der Massage niederschlägt. Daher kann man aus einer Sitzung, die man selbst erlebt hat, viel mitnehmen. Es können Kleinigkeiten sein, die man sich merken will, ein Laken, dass jemand auf an-dere Weise um den Körper schlägt, ein atmosphärisches Detail, das man im Raum aufnimmt, ein Griff, der eine Nuance anders gemacht wird. Aber genau auf diese Details kommt es an, ich würde sogar sagen, dass gerade das TouchLife auszeichnet, denn diese liebevollen Kleinigkeiten bringen die Klienten dazu, sich geborgen, aufgehoben und ganz persönlich umsorgt zu fühlen.
Mir selbst half beim Durchhalten zusätzlich der Umstand, dass meine Mutter, wenn auch in einem anderen Kurs, etwas Ähnliches erlebte, wie ich. Wir standen in regem Austausch miteinander und obwohl unser Verhältnis sowieso schon gut war, schweißte uns diese Sache noch enger zusammen. Es war spannend, als ich das erste Mal eine Massage von ihr empfangen durfte. „Besonders im Hinblick darauf, dass wir am Tag zuvor wahrscheinlich das offenste und schwierigste Gespräch unseres Lebens hatten, empfinde ich die Massage als sehr nah und intensiv. Schön, dass wir jetzt noch eine weitere Möglichkeit haben, uns in unserem Verhältnis zueinander auszudrücken und auch neu kennen zu lernen,“ notierte ich in meinem Protokoll. Gespräche müssen nicht das einzige Mittel zur Kommunikation sein, stellte ich fest.
Die Protokolle. Es war kurz vor der Prüfung, als ich, um mich in meiner Prüfungsangst ein wenig zu beruhigen, die Mappe mit meinen Aufzeichnungen zusammenstellte. Vorbereitet zu sein, minderte meine Panik, ein bisschen zumindest. Während ich sortierte, blätterte und las, fiel mir eine Massage mit Nadine ein, in der ich die Akupressurpunkte probiert hatte und sie anschließend meinte, sie hätte ein Gefühl ge-habt wie damals, als sie noch Ecstasy nahm. Das wollte ich noch mal genauer nach-lesen. Ich schaute den Blätterhaufen durch und stieß dabei auf weitere Notizen, die mir all die tollen, schwierigen, lustigen Situationen, die ich mit meinen Klienten im Laufe des Jahres erlebt hatte, in Erinnerung riefen: „Anja, 24 Jahre, Zollbeamtin, ist keine Person, die viele Worte macht. Sie wirkt sehr intovertiert. Nach der Massage sagt sie immer noch nicht viel, außer dass sie es „gut“ fand, aber das tollste Feed-back ist für mich ihr Gesicht, das auf einmal wunderschön und gelöst aussieht. – Jut-ta gebe ich irgendwann nach dem Unterricht eine kombinierte Rücken-Bein-Massage und zum ersten Mal erlebe ich, dass eine lange Massage eine wirkliche Überforde-rung sein kann. Jutta hat Schwierigkeiten alle Erlebnisse zu sortieren, was ihr vor allen Dingen bleibt sind die Abschlussgriffe an den Füßen. - Dreimal kommt Daniel, 28 Jahre, vor seinem Auslandsaufenthalt, um sich massieren zu lassen. Sein Körper ist zum größten Teil tätowiert – eine wahre Augenweide! Als ich einen längeren Haltegriff am Kopf mache fragt er mich irritiert: „Alles klar bei dir?“, da muss ich ein bisschen lachen.“
Je mehr ich las, desto mehr musste ich grübeln oder schlucken oder schmunzeln. Ich übergab die Protokolle am Prüfungswochenende der Prüfungskommission, die sich aus den Begründern der Methode, meiner Ausbildungsleiterin und einem externen Facharzt zusammensetzte. Anhand der Notizen konnten sie meinen Lernpro-zess gut nachvollziehen. Das Seminar sollte diesmal nicht in Mecklenburg, sondern im Seminarhaus am hessischen Edersee stattfinden und zusammen mit den Absol-venten und Absolventinnen aus Österreich und der Schweiz abgehalten werden. Das war vielleicht aufregend! In nur vier Tagen sollten wir einen Haufen neuer Leute tref-fen, darunter auch die Begründer von TouchLife, Kali von Kalckreuth und Frank Boaz Leder, die Ganzkörpermassage lernen, uns die letzten Prüfungsfragen in den Kopf hämmern und in der Prüfung voll konzentriert sein - mir mit meinen schwachen Nerven hätte es gern ein bisschen weniger aufregend sein dürfen. In dieser stressigen Situation blieb mir nur übrig, tief ein und auszuatmen und die Nerven zu bewahren. Dass Atmen einem hilft zu entspannen und loszulassen, hatten wir im Laufe der Ausbildung gelernt, nun musste ich das sozusagen im Selbstversuch anwenden.
Und andererseits war es ja auch schön, in Berührung mit so vielen neuen Kollegen und Kolleginnen zu kommen, sich auszutauschen, Tipps weiter-zugeben, Anregungen aufzunehmen und sich einfach als Teil des Ganzen zu fühlen. Obendrein war es ein Erlebnis, die beiden Köpfe von TouchLife kennen zu lernen, denn sie hatten ja schließlich die tolle Methode überhaupt erst entwickelt, in der wir uns erproben durften. Beide sind – jeder auf seine Art - sehr bemerkenswerte Persönlichkeiten mit einer großen Präsenz. Sie gehen offen auf einen zu, nehmen sich Zeit für Gespräche, und gewiss konnte so mancher zukünftige Praktiker von ihrem reichen Erfahrungsschatz profitieren, indem er sich einen Tipp bei ihnen holte.Wie die Prüfung genau abläuft, will ich hier nicht verraten, aber soviel soll gesagt sein: Die Prüfer haben keinen Grund einen in die Pfanne zu hauen. Man ist schließ-lich nicht mehr in der regulären Schule oder in der Uni, wo es den meisten Lehrtätigen schnuppe ist, ob man durch eine Prüfung kommt oder nicht. Andererseits be-kommt man aber auch nichts geschenkt. Im Nachhinein sehe ich es so, dass ich mir durch die theoretische und praktische Prüfung selbst noch einmal vor Augen führen durfte, was ich kann. Durch den offiziellen Check meines Wissens weiß ich, dass ich für die Ausübung der Massage gerüstet bin. Die Bescheinigung macht mich sicherer. Natürlich wusste ich schon vorher, dass ich massieren kann, aber auf dem Zertifikat steht noch einmal schwarz auf weiß, dass ich dazu befähigt und berechtigt bin. Das ist ein tolles Gefühl und wenn es erforderlich ist, habe ich etwas in der Hand.
Achtsamkeit – oder ein Hoch auf unsere Lehrerin
Nachdem wir alle die Prüfung erfolgreich absolviert hatten, trafen wir uns im November zu einem allerletzten Seminar, dort wollten wir noch die Fußmassage lernen. Ich möchte an dieser Stelle nicht berichten, was an diesem Wochenende alles geschah, denn wir verabschiedeten uns über drei feierliche Tage hinweg voneinander, und diese wunderschönen Augenblicke gehören nur uns. Aber ich möchte versuchen, das Resümee wieder zu geben, dass ich dort teilweise zusammen mit Anderen gezogen habe.Durch die großartige Arbeit unserer Lehrerin waren wir anspruchsvoll geworden, was die Ausübung der Massage anging, und auch ein wenig verwöhnt – „verheddat“, kicherten wir manchmal, wenn sie es nicht mitbekam. Schon wenn man ihr bloß zusah, sie beobachtete, konnte man irrsinnig viel von ihr lernen. Für mich war Hedda quasi die personifizierte Achtsamkeit und ich weiß, dass viele das ähnlich sahen. „Durch die Art und Weise, wie du den Lehrstoff vermittelt hast, hast du der Ausbildung eine hohe Qualität gegeben. Für mich bist du eine ganz tolle Lehrerin, eben weil du so ein wunderbarer Mensch bist!“, lies Ellen (36) sie am Ende wissen. Ganz klar: Das Ausbildungsjahr war eine der positivsten Erfahrungen meines Lebens.
Ich wurde sehr zum Grübeln angeregt, was meine inneren Konfliktherde und äußeren Lebensumstände betraf. Hammoudi (31), der auf dem Weg ist, Psychotherapeut zu werden und die Körperarbeit mit in seinen Job einbeziehen möchte, hatte einmal sehr schön auf den Punkt gebracht, was auch mein Empfinden war. „Die Ausbildung hat mir letztlich nicht nur eine Massagetechnik gelehrt, sondern auch gezeigt, was es bedeutet, wach im Leben zu sein. Es hat einen persönlichen Reifeprozess in Gang gesetzt. Das hat die Ausbildung einerseits schwerer gemacht, aber zugleich war die Belohnung noch viel größer, als ich mir erhofft hatte,“ formulierte er. Man nimmt das Gelernte mit in seinen Alltag, wird sich selbst und Anderen gegenüber offener und achtsamer. Und ganz davon abgesehen lernt man ein ganz tolles HandWerk, mit dem man anderen Menschen beruflich oder privat eine große Freude bereiten kann. Ich habe erfahren, dass mindestens vier Teilnehmer aus meiner Gruppe ihr Können bereits im Job anwenden. Andere überlegen noch, wie sie den Schritt in die berufliche Selbständigkeit bewerkstelligen oder ihre jetzige Tätigkeit mit der Massage verbinden können. Eine gute Idee braucht Zeit zu reifen.
Und wie sieht es bei mir aus? Durch den Ausgleich, den ich in der Massagearbeit finde, kann ich mein Studium besser bewältigen, dann und wann bringt mir die Studiererei jetzt sogar sowas ähnliches wie Spaß. Der absolute Clou ist jedoch, dass ich mit einer Freundin zusammen, die sich von meinem Massagefieber hat anstecken lassen, nun einen Wohlfühlraum im Prenzlauer Berg teile. Fünf Massagen können darin pro Woche geben, wir sind schon ganz wahnsinnig vor Freude darüber! Es ist spannend, wie sich das Ganze entwickeln wird. Ansonsten genieße ich einfach, wel-che schönen Umstände sich durch das letzte Jahr in meinem Leben ergeben haben. Meine Mutter und ich planen in diesem Sommer zum Beispiel ein Massagetreffen in meinem niedersächsischen Heimatdorf, bei dem es Gelegenheit zu Gesprächen und Massagen geben wird. Ehemalige Teilnehmer ihrer und meiner Gruppe werden kommen und sicher wird das lustig und aufregend und schön. Hoffentlich gibt es wieder einen Massageaustausch unter freiem Himmel – mal sehen, ob wir das mit der Achtsamkeit bei Insektenattacken dann immer noch hinbekommen. Aber eigent-lich bin ich da ganz zuversichtlich.



