Mit den Händen sehen
Interview mit Elke Röhrmann, die erste blinde Absolventin der TouchLife-Grundausbildung
Seit wann bist du erblindet?
Elke: Nach der Geburt meines zweiten Kindes im Jahr 1988 wurde die Augenerkrankung festgestellt. Seit dem Tag
verschlechterte sich meine Sehkraft schleichend aber stetig, bis Anfang 2000 auch noch das letzte bisschen verschwand. Seitdem sehe ich nur noch hell und dunkel.
Wie kam es dazu, dass du dich für eine Ausbildung zur TouchLife Praktikerin interessiert hast?
Elke: Eine gute Bekannte, Inge Diekmann, erzählte mir von ihrer Ausbildung zur TouchLife Praktikerin. Sie schwärmte so davon, dass ich mir gleich Informationen im Internet raussuchte und Infomaterial anforderte. Und so nahm alles seinen Lauf.
Wie waren die ersten Ausbildungstage im Seminarhaus am Edersee für dich, wie hast du das Kennenlernen mit den Leitern und Mitteilnehmern erlebt?
Elke: Für die Zeit der Rückenwoche hat mich mein Mann Jürgen begleitet, damit ich mich nicht so allein fühlte und ich mich auch schneller orientieren konnte. An das Kennenlernen mit den Lehrern und Mitteilnehmern habe ich eine recht positive Erinnerung. Für mich ist es immer als erstes das wichtigste, das mich die Stimme eines Menschen anspricht. Und das war bei fast jeder/m Kollegen/in der Fall.
Wie findest du dich im Seminarhaus zurecht, wie schaffst du die Wege vom Zimmer zum Seminarraum oder in den Speisesaal?
Elke: In meinem Massagezimmer zu Hause weiß ich sehr genau wo alles steht. Das ist für mich sehr wichtig, denn sonst würde das absolute Chaos eintreten. Auch im Seminarhaus, egal ob vom Zimmer zum Speisesaal oder zum Seminarraum, finde ich mich Dank meines guten Orientierungssinns sehr gut zurecht. Wir sind eine lustige Dreier-WG dort, so ist es auch eher selten, dass ich allein laufe; meistens gehe ich mit Kollegen oder der ganzen Gruppe. Aber wenn ich wirklich mal allein gehen muss, dann klappt das sehr gut.
Wie lernst du die Massagetechniken und Abläufe, da du ja die Demonstrationsmassagen nicht sehen kannst?
Elke: Wichtig ist für mich, während einer Demo so zu sitzen, dass sie vor meinen Augen abläuft. Ich denke, es liegt am Klang der Stimme und natürlich der Auswahl der Worte, wenn die Grifftechniken angesagt werden.
Es ist auch wichtig, dass erklärt wird, von wo und in welche Richtung die Hände laufen müssen.
Wie ist das, Menschen, die man noch nie gesehen hat und nie sehen wird, mit den Händen kennenzulernen und sie zu massieren?
Elke: Es ist für mich jedes Mal wieder aufs Neue spannend und aufregend, wenn ich einen Kollegen oder neuen Klienten massiere und ihn dann mit den Händen kennen lerne. Nur so kann ich mir ein Bild von ihm machen, über die Größe, Statur, Haare, Gesichtszüge usw. Oft ist es so, dass ich mir anhand der Stimme ein ganz anderes Bild von dem Menschen gemacht habe und deshalb manchmal enttäuscht oder auch überrascht darüber bin, wie sie wirklich aussehen ...
Wie erlebst du die gruppendynamischen Phasen, wenn getanzt wird, Körperübungen stattfinden oder Mitteilungsrunden - fühlst du dich manchmal benachteiligt oder hast Angst, etwas zu verpassen?
Elke: Am Anfang der Ausbildung waren die Körperübungen für mich etwas ungewohnt, aber mittlerweile habe ich schon so viel über mich und meinen Körper gelernt, dass es mir bei diesen Übungen richtig gut geht. Die Zeit wenn getanzt wird find ich richtig klasse. Ich liebe Musik, sie gehört zu mir wie frische Luft, Bücher zum Lesen und meine Familie. Die Mitteilungsrunden mag ich besonders gern. Wenn alle so im Kreis sitzen hat man so richtig den Überblick, von allen Seiten kommen Gedanken, Stimmungen und Gefühle. Ich habe mich noch nie benachteiligt gefühlt und hatte auch noch nie Angst, etwas zu verpassen, denn gerade so ein Kreis ist das Symbol, dass niemand ausgeschlossen ist. Mein Gehörsinn ist so gut ausgeprägt, dass ich bestimmt nichts verpasse oder überhöre; ganz unbewusst höre ich alles, was um mich herum passiert.
Wie lernst du die Theorie aus den (Anatomie-) Lehrbüchern?
Elke: Ich habe das komplette Anatomieskript und das Lehrbuch in meinen Computer eingescannt. Das dazugehörige Lesegerät liest mir den Text vor, so oft ich mag.
Wie reagiert dein Umfeld in Bielefeld, findest du genug Übungsklienten?
Mein Umfeld reagierte sehr überrascht, als ich erzählte, dass ich eine Massageausbildung anfangen wollte. Sie fanden es mutig in meiner Lage, vielleicht waren sie auch ein wenig skeptisch, ob ich das wohl so hinkriege. Aber nach den ersten Massagen, die sie von mir bekommen haben, waren sie doch überzeugt, dass sich alles erlernen lässt, wenn man mit Spaß bei der Sache ist. Klienten finde ich nicht nur im Familien- und Freundeskreis, sondern auch bereits darüber hinaus.
Was sind deine Ziele für die Zeit nach der Ausbildung?
Elke: Weiter mit so viel Freude und Elan zu massieren wie im Augenblick und als selbständige TouchLife Praktikerin zu arbeiten. Für mich ist die Ausbildung eine ganz wichtige Entscheidung gewesen. Sie gibt mir das Gefühl, in meinem Leben weiter einen festen Platz einzunehmen. Zum anderen kann ich etwas Gutes für meine Mitmenschen tun.
Neugierig auf eine Massage bei Elke Röhrmann? Terminabsprache in Bielefeld unter 0521-479746
Das Interview mit Elke führte Frank B. Leder



